beziehungsweise 2/2025–Artikel 3
Kinderessen
Ein alltagsbeherrschendes Thema in vielen Familien
Von Eva Derndorfer
Die tägliche Essensplanung und -zubereitung – Jausenbox inklusive – bedeutet für viele Eltern große Anstrengung. Vor allem die Entscheidung, was überhaupt gekocht und gegessen wird, ist komplex und Teil des familiären mental loads. Eltern versuchen den Spagat zwischen eigenen und gesellschaftlichen Ansprüchen, vorhandenen Möglichkeiten, begrenzten zeitlichen Ressourcen, individueller Kochkompetenz, dem eigenen Wissen über Kinderernährung, Ratschlägen aus dem Umfeld und zum Teil widersprüchlichen Informationen aus Büchern und dem Internet zu meistern. Fragen wie "Brauchen Kinder Fleisch?", "Ist vegane Kinderernährung sinnvoll?", "Kann ich sicher sein, dass mein Kind genügend – oder auch nicht zu viel – isst?" tauchen auf und verunsichern. Manche berufstätigen Eltern fühlen sich zudem von "Supermoms & Superdads", die aufwendig geschnitzte Gurkenkrokodile in Jausenboxen auf sozialen Medien posten, unter Druck gesetzt. Aber auch das reale Umfeld greift gehörig in die familiäre Essensplanung ein: das Speiseangebot in Kindergarten und Schule, der geschenkte Krapfen vom Bäcker ums Eck (der nett gemeint, unmittelbar vor einer Hauptmahlzeit jedoch kontraproduktiv ist), der Lutscher im Gasthaus (welcher impliziert, dass das Kind erst jetzt etwas Besonderes bekommt. War das Essen davor weniger gut?). Selbst manche Ärzt:innen verteilen Süßigkeiten, und am Spielplatz werden Kinder gerne von anderen "mitversorgt". Der elterlich gesteckte kulinarische Rahmen, wie auch immer dieser aussehen mag, wird somit stark vom sozialen Umfeld beeinflusst.
Der Einfluss der Familie und des sozialen Umfelds ist uhrzeiten- und mahlzeitenabhängig: Frühstück und Abendessen werden traditionell zuhause verzehrt, während das Mittagessen in Kindergärten, Volksschulen oder Horten meist zur Verfügung gestellt wird. Vormittägliche Zwischenmahlzeiten werden je nach Bildungseinrichtung von zu Hause mitgegeben oder auch vor Ort angeboten. Bei Nachmittagssnacks ist der außerfamiliäre Einfluss am größten, wenn diese unterwegs verzehrt werden.
Snackification
Dabei gilt es zu beachten: Kinder sollen zwar regelmäßig, aber nicht ständig essen. Hungersignale und Vorfreude auf die kommende Mahlzeit gibt es nämlich nur, wenn es irgendwann auch Essenspausen gibt. Je mehr zwischendurch gesnackt wird, desto stärker tritt die klassische Hauptmahlzeitentrilogie aus Frühstück, Mittagessen und Abendessen in den Hintergrund. Was aber nicht im Umkehrschluss bedeutet, dass immer ein bestimmter Abstand zwischen Mahlzeiten bestehen muss. Kinder besitzen nämlich selbst von Anfang an die natürliche Fähigkeit, Hunger und Sättigung zu spüren, wenn sie es nicht verlernt haben. Dies kann passieren, wenn Essen eingeschränkt oder aufgedrängt wird. Besonders "schlechte Esser:innen" bekommen Essen aufgedrängt – Essen zu genießen wird auf diese Weise kaum vermittelt.
Auch das Limitieren aus gesundheitlichen Gründen führt eher zum Gegenteil als zum Ziel: Forscherinnen aus Frankreich (Philippe u. a. 2021) gingen der Frage auf den Grund, mit welchen Faktoren das Essen ohne Hunger bei zwei- bis siebenjährigen Kindern zusammenhängt. Sie interviewten dafür 621 Mütter und befragten diese unter anderem zum Appetit ihrer Kinder, und ob die Kinder auch ohne Hunger essen, wenn sie etwas besonders mögen. Weiters mussten die Mütter angeben, ob sie Essen als Belohnung einsetzen und ob sie das Essen ihrer Kinder im Sinne der Gewichtskontrolle oder aus gesundheitlichen Gründen limitieren. Das Ergebnis zeigte, dass Kinder, die Essen als Belohnung bekommen, eher ohne Hunger essen. Aber auch Kinder, deren Mütter gesundheitlich motiviert besonders restriktiv beziehungsweise regulativ auf das Essen ihrer Kinder einwirken, essen eher ohne Hunger.
Die Schuljause als wichtige Zwischenmahlzeit
Die Schuljause ist wichtig, weil der Abstand zwischen Frühstück und Mittagessen sonst für Kinder sehr lange ist und Konzentrationstiefs vorprogrammiert sind. Kinder wollen in der Pause allerdings nicht nur essen und trinken. Sie wollen mit ihren Freund:innen reden, spielen, sich bewegen, sie müssen auf die Toilette gehen. Das Essen muss sich also zeitlich ausgehen. Je einfacher es verzehrbar ist, als Fingerfood, desto eher wird es gegessen. Damit es morgens nicht zu hektisch ist, empfehlen sich eine sinnvolle Vorratshaltung und Überlegungen am Vorabend, was man in der Früh einpacken könnte.
Familienmahlzeit ist mehr als nur Essenszeit
Gemeinsame Familienmahlzeiten sollten in jedem Fall stattfinden, denn sie haben weitreichende Folgen für Kinder. Kinder und Jugendliche, die regelmäßig mit der Familie essen, essen gesünder. Im Zuge gemeinsamer Mahlzeiten lernen Kinder außerdem, dass eine angenehme Essatmosphäre genussförderlich ist. Mahlzeiten bieten Raum und Zeit für Gespräche. Problembehaftete Gesprächsthemen sind beim Essen allerdings kontraproduktiv, weil sich negative Gefühle auf das Essen selbst übertragen können. Fehlen gemeinsame Mahlzeiten, wirkt sich das bei Jugendlichen auf das Selbstwertgefühl aus (Harrison u. a. 2015). Manche Studien zeigen zudem einen positiven Einfluss von gemeinsamen Mahlzeiten auf Wortschatz, Allgemeinwissen und schulische Leistungen von Kindern oder Jugendlichen (Zielinski 2018; Miller u. a. 2012), andere finden allerdings keinen Zusammenhang (Miller u. a. 2012).
Zeitgemäßes Essen ist zukunftsfähiges Essen
Letztlich muss eine zeitgemäße Kinderernährung auch die planetaren Ressourcen berücksichtigen, denn etwa ein Drittel aller Treibhausemissionen geht auf die Produktion von Lebensmitteln zurück. Auch ein lukullischer Umgang mit Lebensmittelresten ist gefragt. 2024 wurden in Österreich neue lebensmittelbasierte Ernährungsempfehlungen veröffentlicht (AGES), erstmals unter Berücksichtigung von Umwelt und Klima, und eigene Empfehlungen mit und ohne Fleisch. Hülsenfrüchten wird als pflanzlicher Eiweißquelle mehr Raum gegeben.
Fazit – Worum geht es beim Kinderessen also?
- Es soll gut schmecken, das schafft tägliche Genussmomente.
- Es soll gesund und nährstoffreich sein.
- Es soll nachhaltig und damit zukunftsfähig sein.
- Das Kind soll ein positives Verhältnis zum Essen entwickeln.
- Gemeinsame Mahlzeiten sollen einen positiven Beitrag zum Familienleben darstellen.
Um all dies zu erreichen, müssen Eltern, die einen Hang zum Perfektionismus haben, Druck herausnehmen: Man sollte nicht von sich selbst erwarten, dass man alles perfekt machen muss, aber Möglichkeiten schaffen, damit man im Alltag das Essen mit seinen Kindern genießen kann.
Literatur
AGES (Österreichische Agentur für Gesundheit und Ernährungssicherheit GmbH): Österreichische Ernährungsempfehlungen. www.ages.at/mensch/ernaehrung-lebensmittel/ernaehrungsempfehlungen/oesterreichische-ernaehrungsempfehlungen (Zugriff 27.2.2025)
Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (2024): Familienmahlzeiten. www.kindergesundheit-info.de/themen/ernaehrung/gesundes-ernaehrungsverhalten/familienmahlzeiten/ (Zugriff 27.2.2025)
Harrison, Megan E.; Norris, Mark L.; Obeid, Nicole; Fu, Maeghan; Weinstangel, Hannah; Sampson, Margret (2015): Systematic review of the effects of family meal frequency on psychosocial outcomes in youth. In: Canadian family physician 61 (2), S. e96–e106.
Miller, Daniel P.; Waldfogel, Jane; Han, Wen-Jui (2012): Family meals and child academic and behavioral outcomes. In: Child development 83 (6), S. 2104–2120.
Philippe, Kaat; Chabanet, Claire; Issanchou, Sylvie; Monnery-Patris, Sandrine (2021): Young children’s eating in the absence of hunger: Links with child inhibitory control, child BMI, and maternal controlling feeding practices. In: Frontiers in Psychology 12, 653408.
Zielinski, Johanna (2018): Die Bedeutung von „Social Eating “für die Gesundheit. In: Ernährung & Medizin 33 (04), S. 170–173.
Link zum PODCAST
Wissenshäppchen. So gelingt Kinderessen
Autorin
Dr.in Eva Derndorfer ist Ernährungswissenschaftlerin, Lebensmittelsensorikerin, Buchautorin und selbst Mama eines Volksschulkindes. In ihrem Podcast bekommen Eltern jede zweite Woche Infos & Tipps, wie gesundes und genussvolles Kinderessen klappt. Unterhaltsam, informativ, wissenschaftlich fundiert.